Vorbeugen durch gesunde Ernährung
Niemand wird ernsthaft bestreiten, dass ein Kind für sein Wachstum und seine Entwicklung eine optimale Ernährung benötigt. Trotz dieser allgemein anerkannten These begegnet der Kinderarzt als Ernährungsberater sehr unterschiedlichen Ansichten darüber, welche Ernährung für das Kind gesund ist. Er sieht sich in seiner Praxis Eltern mit verschiedenen Lebensgewohnheiten, Familientraditionen und kulturellen Eigenheiten gegenüber, die es ihm nicht immer leicht machen, eindeutige Empfehlungen hinsichtlich einer ernährungswissenschaftlich begründeten Nahrungszusammensetzung und Nahrungszufuhr zu geben.
Über alle kulturellen Unterschiede hinweg darf heute das Stillen als optimale Ernährung eines Säuglings in den ersten 6 Lebensmonaten gelten. Die Muttermilch enthält spezifische Abwehrstoffe, die dem Kind nachweislich einen Schutz vor Infektionen gewähren und die durch keine Säuglingsnahrung auf Kuhmilchbasis zu ersetzen sind. Darüber hinaus konnte gezeigt werden, dass frühkindliche Manifestationen von atopischen Erkrankungen - beispielsweise enteraler Kuhmilchallergie und atopischer Dermatitis - durch Stillen weit ins spätere Lebensalter hinausgezögert oder bisweilen sogar verhindert werden können. Nicht zu vernachlässigen ist beim Stillen auch der intensive psychosoziale Kontakt zwischen Mutter und Kind, der bei einer Flaschenmahlzeit nicht annähernd erreicht wird.
Zufütterung nach dem ersten Lebenshalbjahr
In der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres muss zugefüttert werden, damit der Säugling seinen Bedarf an Vitaminen, Mineralien und Spurenelementen deckt. Der erste Brei - in aller Regel mit Obst bzw. Gemüse - sollte nicht vor dem 5. Monat, glutenhaltige Getreideprodukte nicht vor dem 7. Monat gegeben werden, um eine Allergisierung über eine noch nicht vollständig ausgereifte Darmschleimhaut zu vermeiden. Einige Vitamine oder Mineralien müssen bei jedem Kind zugefüttert werden, weil ihr hoher Bedarf während der intensiven Wachstumsphase durch Muttermilch bzw. Kuhmilch und Breinahrung nicht gedeckt wird. Deshalb sollte jedes Kind in den ersten beiden Lebensjahren zwecks Aufbesserung der Kalziumaufnahme Vitamin D und in den Jahren bis zum Abschluss der Zahnentwicklung Fluorid erhalten.
Familien mit alternativen Ernährungsgewohnheiten
Bereits ab dem zweiten Lebensjahr gleicht sich der Ernährungsplan des Kindes dem der erwachsenen Familienmitglieder sukzessive an. Hierbei sieht sich der Ernährungsberater nicht selten mit alternativen Lebens- und Essgewohnheiten konfrontiert. Den verschiedenen Formen des Vegetarismus kommt die größte Bedeutung zu. Die gemäßigten Varianten (Laktoovo- oder Laktovegetarismus) sind bis auf eine mäßig herabgesetzte Energiezufuhr unbedenklich. Je strenger aber Fleisch, Ei und Milch gemieden werden (Veganer), desto größer ist die Gefährdung einer partiellen Unterernährung. Die Energiezufuhr ist ungenügend, die einseitige Verabfolgung von Getreideprodukten oder Hülsenfrüchten löst Eiweißmangelschäden aus, die durch Mischung tierischer und pflanzlicher Proteine vermeidbar sind. Fleischarme Ernährung leistet außerdem Eisenmangel Vorschub. Besonders gefürchtet ist bei rein pflanzlicher Ernährung jedoch der Mangel an Vitamin B 12, der auch in der Milch streng veganisch lebender Mütter entstehen und schwere neurologische Schäden beim heranwachsenden Kind verursachen kann.
Naturbelassen und vollwertig
So genannte Vollwerternährung stützt sich auf den Einsatz von naturbelassenem Getreideschrot, Nüssen, Honig und Obst, die eine stark abführende Wirkung haben. Der empfohlene Einsatz von Rohmilch ist wegen des schwankenden Fettgehaltes, der bakteriellen Kontamination und nicht zuletzt wegen des hohen Allergengehaltes unbehandelter Kuhmilchproteine für das kleine Kind gefährlich. Die Makrobiotik ist in ihrer strengen Form als reine Zerealienkost (Getreideprodukte) durch Protein-, Kalzium- und Vitaminarmut für Kinder in den ersten Lebensjahren ungeeignet. Die anthroposophische Ernährungslehre ist wiederum dem Laktoovovegetarismus ähnlich und kann lediglich durch die Ablehnung einer regelmäßigen Vitamin-D-Substitution die übliche Rachitisprophylaxe gefährden. Jede Ernährungsberatung setzt selbstverständlich die exakte Kenntnis des Nahrungsbedarfs eines Kindes, profunde Kenntnisse über Nahrungsmittel, ihren Kaloriengehalt und ihre biologische Wertigkeit einschließlich geeigneter kombinierter Kostformen sowie die Berücksichtigung individueller und familiärer Nahrungsbedürfnisse voraus. So kommt dem Kinderarzt eine wichtige präventive Aufgabe zu, die in der Praxis nicht immer ohne weiteres zufriedenstellend zu erfüllen ist.












